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Die Geschichte der Dorfkirche Pessin

Vom Bau der Kirche bis heute

Postkartenmotiv von 1910

Die heutige Pessiner Dorfkirche gilt als die älteste Kirche des Westhavellandes*). Teilweise errichtet im 15. Jahrhundert vereint sie mehrere Baustile. So sind Teile der Kirche dem spätgotischen Feldsteinbau zu zuordnen, wie der westliche ältere Teil des Kirchenschiffes. Der mächtige Querturm, dessen erste Dachein- deckung aus dem Jahre 1488 stammt, wurde auf den Resten eines alten Feldsteinbaus aus Backstein errichtet, dessen Ursprünge im 13. Jahrhundert zufinden sind. Der Querturm und das östliche Schiff der Kirche aus Backstein sind hingegen Bespiele der Backsteingotik. Das verbreiterte dreischiffige Langhaus welches 1739 errichtet wurde, ist zum Teil ein Putzbau aus der Zeit des Spätbarock bzw. des Rokoko. 1739 wurde mit den hölzernen Lauben auf beiden Seiten des älteren Westteil der Kirche ein wohl eher seltenes bauliches Detail angefügt. Ob die Lauben dazu dienten Unterstand für die Menschen zu gewähren, die in der Kirche während des Gottesdienstes kein Platz mehr fanden, ist unbekannt. Ursprüngliche jedoch waren das Schiff der alten Feldsteinkirche und Turm getrennt von einander errichtet worden. Der Umbau der Kirche zu ihrer heutigen Form wurde jedoch erst 1939 beendet.

 

Der etwaige Grundriss der einstigen Dorfkirche

An Hand der bei Sanierungsarbeiten 2012 gefundenen Fundamente dürften die Außenmauern (rot) der Dorfkirche vor der Erweiterung von 1739 (grau) in etwa so gestanden haben, was ebenfalls schon ein recht großer Kirchenbau wäre.

 

Schätze des Inneren - Innenansichten der Dorfkirche Pessin

Kirchensanierung - Dach, Kirchturm, Hülle, Innen und Außen

Sehr viel Arbeit - Der Sanierungbedarf an der Dorfkirche Pessin

Der Querturm und seine Schätze

Balkenkonstruktion des Daches

Der Turm (Höhe 28 m) ist ein unverputzter spätgotischer Back- steinbau mit teilweiser Verwendung von Feldstein. In den zwei unteren Geschossen sind Kreuzgewölbe als angelegt erkennbar. Dort befindet sich auch ein Kamin, was den Schluss zulässt, dass der Innenraum einst als mehrgeschossiger Wohnturm genutzt wurde.
In der südöstlichen Ecke führt eine kleine Wendeltreppe bis etwa zur halben Höhe des Turmes. Es wird vermutet, dass sich dort einst die oberste Ebene eines nach oben offenen Turmes befand. Anhaltspunkte sind die umlaufend in die Mauern eingelassenen Trägerbalken. Die Maueröffnungen und teilweise noch erhaltenen Holzstümpfe unter dem 1739 entstandenen Dach des Lang- schiffes lassen ferner die Vermutung zu, dass sich auf dieser Höhe auch außen ein hölzerner Laufgang befunden haben muss. Unmittelbar am Eingang der Wendeltreppe ist noch der Zugang in das Kirchenschiff erkennbar, von den rituell bedingten Einkerbungen im Mauerwerk ablesbar, wurde dieser jedoch offensichtlich deutlich vor dem Anbau von 1739 vermauert.
Sein Äußeres zeigt schönes sauberes Backsteinmauerwerk (Format 29x14x8 cm). Der Unter- sockel hat Karniesprofil. Die Flächen des Sockelgeschosses sind an der Westseite durch eine rechteckige Blende in Querformat, an der Nord- und Südseite neben der Turmtür durch geputzte Kreisblenden belebt. Aus dem Sockelgeschoss entwickeln sich, bündig damit, Ecklisenen, die bis zum Anfang der Giebel emporsteigen und dort ohne Endlösung aufhören. Das sehr steile Sattel- dach des Turmes aus dem Jahre 1488 trug einst einen Dachreiter, dessen untere Konstruktion noch im Dachstuhl steckt. Die Schallöffnungen sind gekuppelt und haben Stichbogen. Die obere Hälfte des Turmes ist mit einzelnen Rauten- und Zickzackmustern aus gesinterten Steinen ge- schmückt (15. Jahrhundert).

 

Pessins letzte Kirchenglocke mit Schlagwerk

Der Querturm bot einst Platz für das Zuhause von 3 Glocken, von denen 2 Glocken 1867 in Berlin vom Zehlendorfer Gießer Gustav Gollier gegossen wurden. Die Dritte jedoch war älter - vermutlich um 1300 und ihre Herkunft ist unbekannt. Im Thieme-Becker: „Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart“ ist jedoch zu lesen, dass ein Jost Bodecker - Kunstschmied und Glockengießer aus Warburg - im Jahre 1599 Glocken nach Pessin und Retzow lieferte. Ob sich dabei um die mit einem Durchmesser von 91 cm Größte und Älteste der drei Glocken handelt und somit eine der stattlichsten Glocken in der Mark war, ist nicht verzeichnet. Diese Größe war nicht ihr einziges besonderes Merkmal, es zierte sie eine Beschriftung in Spiegelschrift. Die Spiegelschrift wurde auf das Herstellungsverfahren zurück geführt. Bzgl. ihrer Aufschrift ist bei Kreil: Amtsbereich Friesack - Streifzüge durch Ländchen und Luch - auf Seite 141 und 142 jedoch folgendes zu lesen:

»Die Inschrift lautet rückwärts gelesen und nach Auflösung der Abkürzung:
„O rex glorie veni
Cum pace
Santca maria
Ora pro nobis“

Zu deutsch:
„O König, Dir zu Ehren
bin ich die heilige Maria
mit Frieden gekommen -
bete für uns“

Darunter fügte der Künstler, wiederum rückläufig zu lesen, in kleinen Kursivbuchstaben hinzu:
„D(omi)n(u)s ich(esu)s postqu(am) cenavit. p(anem). c(epit?)“. Zu deutsch: Nachdem Herr Jesus gespeist hat, gibt er Brot. D. h.: den Anfang der Einsetzung des Abendmahls. Hinzu kommen die kleinen sauber gezeichneten Darstellungen eines Fisches und einer Hand, die den Becher hält. Trotz der Abweichung von sonst üblichen Symbolen des heiligen Abendmahls sind sie wohl darauf zu beziehen.«

Leider ist diese älteste Glocke nicht mehr vorhanden, heute ist der Kirchturm nur noch das Zuhause von einer Glocke von 1867. Der noch heute vollständig erhaltene jedoch leere Glocken- stuhl sowie ein verbliebener Klöppel sind verbliebenes Zeugnis vom ursprünglichen Läutwerk der Kirche. Ob die beiden fehlenden Glocken wie viele Kirchenglocken 1914-1917 während des Krieges oder später eingeschmolzen wurde, ist nicht verzeichnet.
Die aufwändige Mechanik zum Betrieb der nach Süden hin angebrachten Turmuhr ist ebenfalls noch vollständig vorhanden; wobei die Turmuhr selbst seit der Grundsanierung des Turms elektronisch gesteuert wird.

 

Ein Tabernakel?

Eine kleine Nische auf der Nordseite im ältesten Teil des Kirchenschiffes könnte an die vorreformatorische katholische Nutzung erinnern. Aber auch nach der Reformation war es in Dorfkirchen nicht ungewöhnlich, dass sich beide Konfessionen das Gotteshaus teilten. Der oder das Tabernakel (lat. tabernaculum, "Hütte, Zelt‘") dient in katholischen Kirchen als Aufbewahrungsort der Hostien, diese waren jedoch in mittelalterlichen Kirchen einst vergitterte bzw. verschlosse Nischen im Chorraum. Ob die Nische einst vergittert bzw. verschlossen war, ist ebenso wenig überliefert wie die Antwort auf die Frage: Warum das später hineingestellte Grabkreuz sich nach rechts neigt?

 

Pessiner Kriegsgedenken

Den gefallenen Pessinern aus dem 1. Weltkrieg wird durch ein Denkmal vor der Kirche gedacht. Einst verzierte ein Adler das Denkmal, wobei seine Position auf dem Denkmal mit den Jahren wechselte. Mal war der Adler neben dem Findling angebracht, ein anderes Mal thronte er oberhalb des Findlings als würdiger Ab- schluss. Der genaue Verbleib des Adlers ist bis heute ungeklärt, seine Rückkehr jedoch wünschenswert.
Früheren Pessiner Kriegsverlusten aus den Befreiungskriege 1813-1815, sowie den Verlusten aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg wird im Inneren der Kirche durch Erinnerungstafeln gedacht. [mehr]

 

Kriegerdenkmal mit Adler neben dem Findling - Postkartenmotiv ca. 1939

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Tafeln in der Kirche - Copyright by © Sengebusch-Kähne

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Ergebnis der Arbeit der Fördervereins - Chronisten

Literatur-Nachweis rund um die Dorfkirche Pessin

1. Theodor Fontane: Das Ländchen Friesack und die Bredows - Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2005, ISBN 3-7466-5707-5
2. Dr. Henning v. Koss: Das Ländchen Friesack und die Bredows - Eine Wanderung durch sechs Jahrhunderte, Märkische Verlagsgesellschaft Kiel, Kiel 1965, ASIN: B0000BKF0C
3. Kreil: Amtsbereich Friesack - Streifzüge durch Ländchen und Luch -, Geiger-Verlag (1996), ISBN 3-89570-131-9
4. Klaus-Dieter Wille: Von Ort zu Ort durchs Havelland, Stattbuch Verlag, Berlin 1996, ISBN 3-922778-57-7
5. Thieme - Becker - Vollmer: Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart, Verlag E. A. Seemann in Leipzig, 1950
6. Heinrich Jerchel: Die Kunstdenkmäler der Provinz Brandenburg: Teil 1 Westhavelland, Brandenburg, Provinzialverband Berlin, Ausgabe 2, 1913, Seite 119-122
7. Bautechnische Bestandserfassung der evangelischen Kirchen im Kirchenkreis Nauen-Rathenow, Dipl. Ing. A. Seemann, März 2007 bis März 2008
*) Deutsche Stiftung Denkmalschutz: Obj1795 Dorfkirche Pessin, gelesen am 18.01.2010, 21:46 Uhr